SPIRITUALITÄT DER VERÄNDERUNG
SPIRITUALITÄT DER VERÄNDERUNG IST EINE BLOG-SERIE VON PROF. TOBIAS FAIX, DTH (UNISA)
Teil 6: Kleine Toolbox zur Spiritualität der Veränderung
“Es geht nicht darum, Ideen zu haben. Es geht darum, sie wahr werden zu lassen.” – Scott Belsky
„Machen ist wie Reden – nur krasser.“ Graffiti
In den ersten fünf Teilen ging es um Analysen, Umlernprozesse, Exnovation, Hören lernen und eine neue Haltung für kirchliche Veränderungsprozesse. Es ging darum, Veränderung als einen geistlichen Akt zu erkennen und einzuüben. Jetzt möchte ich die Reihe abschließen mit vier konkreten Tools zur Anwendung und zur expliziten Einübung im Kontext von Kirche und Gemeinde, damit das bisher gedachte tatsächlich zur Veränderung wird.
Tool 1: Geistliche Organisationsanalyse nach Roxburgh und Romanuk
Der Gemeindeberater Alan J. Roxburgh und der Organisationspsychologe Fred Romanuk haben einen internationalen Ansatz zur geistlichen und missionalen Gemeindeberatung entwickelt, aus dem ich einen Analysepunkt herausnehme, der zum einen Kirchengemeinden helfen soll, sich selbst einzuordnen und zum anderen eine Gesprächshilfe bietet, um über geistliche Organisationsprozesse sprachfähig zu werden.
Das von Roxburgh und Romanuk entwickelte „Missional Change Model“ arbeitet mit der sogenannten drei-Zonen-Theorie. Durch das Bewusstsein von missionalen Veränderungsprozessen können die zu beschreitenden Wege in ein gemeinsames Verständnis überführt werden. Somit müssten die Großkirchen oder die einzelne Ortskirche mit einigen Verlusten von Mitgliedern rechnen, die am alten System (Performative Leadership) hängen. Jedoch sehe ich einen großen Vorteil in einer missionalen Veränderung, da so in Zusammenarbeit von verschiedensten Gruppen Gemeinde- und Kirchenkonzepte entwickelt werden können, die vielleicht unterschiedlich, aber dennoch in ihrer Gesamtheit als „Kirche“ zu verstehen sind.
Kurze Beschreibung der drei Phasen
So ist es in der grünen Phase, der Phase des Neuanfangs und Umbruchs, einfach für initiative Menschen teilzuhaben, ihre Stimme zu äußern und in dem Prozess der Strukturierung mitzuwirken. Es gibt wenig Strukturen und wenig konkrete Vorhaben, genau hier wirken die Initiativen mit. In dieser dynamischen Umgebung können aber schwächere Gemeindemitglieder verloren gehen. Wenn also Kinder, Menschen mit Behinderung oder Menschen, die vielleicht ihre Bedürfnisse nicht so gut kommunizieren können, „verloren“ gehen, ist nicht nur ihre Zufriedenheit eingeschränkt, sondern vermutlich auch die derjenigen, die es wahrnehmen, aber in diesem Stadium nicht so viel daran ändern können. Die Herausforderung dabei bleibt, auch Personengruppen zur Partizipation zu bringen, die in bisheriger kirchlicher Arbeit nicht abgebildet worden sind (Junge Erwachsene, Alleinstehende, Paare ohne Kinder).
Der Vorteil dieser Zone ist die hohe Partizipationsmöglichkeit der Gemeinde: Sie wird selbst aktiv und entwickelt sich weiter. Diese Art der Gemeinde braucht jedoch auf der anderen Seite kreative Köpfe, engagierte Mitarbeiter und eine aktive Gemeinschaft.
Wenn dann in der blauen Phase Strukturen entstanden sind und die vorher entwickelte Vision der Gemeinde in eine Struktur gegossen wird, entsteht eine gewisse Ruhe. All jenen Gewissenhaften geht es hier viel besser, den Initiativen fängt es an, in den Fingern zu kribbeln und sie beginnen, Abläufe erneut zu hinterfragen. Die blaue Phase bietet sichere Kommunikationswege, mehr Transparenz in Entscheidungen etc.
Die rote Zone beinhaltet Gemeinden, welche feste Grundprinzipien verfolgen. Sie haben eine klare Vorstellung, die durch die Gemeinde und die Mitarbeiter vertreten wird. Die Gemeinden besitzen ein bewährtes hierarchisches System, durch das sie geleitet werden. In der roten Phase hat die Gemeinde also maximale Stabilität, aber auch maximale Inflexibilität. Oftmals sind es neue Generationen, die alte Strukturen grundlegend infrage stellen. Wenn Altgewohntes angezweifelt und ein Veränderungswunsch mitgeteilt wird, kann ein Prozess der „Krise“ anfangen. In dieser Phase sind also die „alten Hasen“ maximal zufrieden, da Abläufe klar sind. In der Transition, in der dann nicht mehr alles beim Alten belassen wird, fängt ihre Zufriedenheit an zu bröckeln, wohingegen die Zufriedenheit der neuen Generation oder anderen Menschen mit Veränderungswünschen mit eben diesem Prozess abnimmt.
Praxisübung für die Gruppe/Gemeinde/ Fragen für das Gespräch:
- Arbeiten Sie jeweils zwei bis drei Stärken und Schwächen der jeweiligen Phasen heraus.
- Ordnen Sie Ihre Gemeinde in einer der drei Phasen (oder auch in Zwischenräume) nach Roxburgh/Romanuk zu, begründen Sie Ihre Auswahl.
- Welche geistlichen Stärken können Sie in der identifizierten Situation feststellen? Welche geistlichen Ressourcen brauchen Sie in dieser Phase besonders?
- Evtl.: In welcher Phase sollte die Gemeinde in drei Jahren stehen?
- Präsentieren Sie Ihr Ergebnis und kommen Sie darüber ins Gespräch.
- Erarbeiten Sie Schritte, was dies für Ihre Kirchengemeinde bedeutet.
Hinweis: Oft kann eine externe Moderation helfen eine konstruktive und wertschätzende Atmosphäre zu schaffen.
Tool 2: Gremienspiritualität – mit den Evangelien auf dem Weg zu einer neuen Haltung, zur Warum-Frage und zum Kairos
Die EKD hat 2021 in einem Grundlagentext die Bedeutung der Bibel für kirchenleitende Entscheidungen herausgearbeitet. Sie dekliniert das an Themenfeldern der dogmatischen Lehrbildung durch und für eine evangelisch verantwortbare Ethik. Offen bleibt in dem Text aber die Frage, ob aus der Bibel etwas für die Gestalt einer Landeskirche gelernt werden kann und für eine Haltung der Menschen, die sich in ihr engagieren.
Mit dem dritten Tool versuche ich einen Brückenschlag zwischen dem Auftrag der Kirche, der Analyse der kirchlichen Situation in einem Verantwortungsbereich wie z.B. einer Kirchengemeinde und dem, wie die Verantwortung von Verantwortungsträgern heute neu wahrgenommen werden kann.
Praxisübung für die Gruppe/Gemeinde/ Fragen für das Gespräch
- Wie können der Auftrag der Kirche meine Haltung als kirchlich engagierter Mensch prägen?
- Wie komme ich aus der Klage / der Angst / der Trauer über die herausfordernden Rahmenbedingungen für kirchliches Arbeiten in ein aktives Hören, was jetzt gerade dran ist?
- Wie gelingt es mir die oftmals ungeklärte / unbesprochene Frage nach dem Warum unseres Tuns (nach Sinek) wirklich und konkret zu stellen bzw. in meiner Arbeit auf das zu hören, was bei der Beantwortung der Frage tatsächlich herauskommt?
- Wie lernen wir, in den Krisenphänomenen der kirchlichen Rahmenbedingungen heute einen Kairos zu entdecken und wo fangen wir an, die Entdeckung für die konkrete kirchliche Arbeit fruchtbar zu machen?
„Gremienspiritualität“ im hier entworfenen Sinn dient dazu anzufangen (vgl. auch die Impulse der MIDI-Toolbox ) und die Flughöhe der Konzepte und Prozesse zugunsten des konkreten Gesprächs miteinander zu verlassen. Kleine Wahrnehmungsschritte zu Beginn z.B. einer Sitzung, in 15 Minuten im aktivierenden Hören auf Gott und mit einem sich durch das Hören verändernden Blick auf die Wirklichkeit und Tagesordnung.
Tool 3: Eine spirituell geprägte Sitzungskultur entwickeln (nach midi)
Im Folgenden will ich drei konkrete Möglichkeiten aufzeigen, die direkt in einem Gremium miteinander eingeübt werden können. Sie sind selbsterklärend und können im Gremium selbst durchgeführt werden:
Möglichkeit 1: Achtsame Gremienkommunikation
Ein Gespräch kann gelingen, wenn ich ...
- persönliche und vertrauliche Informationen nicht nach außen trage.
- aufmerksam und wohlwollend zuhöre und um Verstehen bemüht bin.
- bemüht bin, zum Gelingen der Sitzung Konstruktives beizutragen.
- für meine Beiträge Verantwortung übernehme und in „Ich-Form“ rede.
- Verallgemeinerungen vermeide und so konkret wie möglich rede.
- Kritik konstruktiv formuliere sowie in einem angemessenen Ton spreche.
- bereit bin, im Sitzungsverlauf meine Gedanken neu an Gott zu orientieren. — Ich signalisiere, wenn ich dem Gespräch nicht mehr folgen kann (z.B. aufgrund von Ärger, Konzentration).
- Interpretationen von anderen Beiträgen meide und mitteile, was sie in mir ausgelöst haben.
- Seitengespräche vermeide und meine Beiträge direkt in die Gruppe einbringe. — Ich drücke aus, was das Thema oder der Beitrag für mich persönlich bedeutet.
- kompromissbereit bin und Beschlüsse auch dann mittrage, wenn ich dagegen gestimmt habe.
Diskussion in der Gruppe:
- Jedes Gremienmitglied hat die Kommunikationsregeln schriftlich vor sich.
- Diskussion über die Vorlage. Wo stimmen Sie zu? Was fehlt Ihnen? Was möchten Sie ergänzen?
- Einigen Sie sich darauf, was Ihre Regeln sein sollen.
- Hängen Sie die Regeln gut sichtbar im Sitzungsraum auf.
Möglichkeit 2: Kostbare Nähe Gottes gemeinsam erleben
- Jedes Gremienmitglied denkt für sich darüber nach, in welchen Situationen, Begegnungen, Erlebnissen es schon einmal die Erfahrung der Nähe Gottes gemacht hat.
- Jede:r notiert eine Erfahrung auf einer Karte in Form eines Edelsteins/Goldbarrens (Vorlagen im Internet).
- Die Karten werden in der Mitte um eine Kerze/ein Kreuz herum auf den Boden gelegt.
- Die Karten werden schweigend gelesen.
Möglichkeit 3: Sehnsuchtswege gehen
Gemeinsam werden Ideen gesammelt, wie das Gremium zukünftig spirituelle Elemente stärker in seiner Arbeit berücksichtigen möchte. Leitfragen können sein:
- Welche Formen gemeinsamer Spiritualität sehen wir für unser Gremium
als hilfreich an? - Was kann das ganz konkret für die Sitzungsgestaltung bedeuten?
- Sind wir bereit, auch Neues auszuprobieren? Wer könnte wie neue Impulse einbringen?
Tool 4: Eine gemeinsame Haltung einüben
Ich haben in den ersten Blogbeiträgen viel über die eigene Haltung sowie das WARUM und das WIE gesprochen. In diesem Tool soll es nun ganz praktische Fragen geben, um die eigene Haltung in und zu Veränderungsprozessen zu reflektieren und die Haltung des/der Anderen zu verstehen und auch um eine gemeinsame Haltung zu entwickeln.
Julius Kuhl, Christina Schwer und Claudia Solzbacher erläutern drei Merkmale/Fragen, die die Entwicklung der eigenen inneren Haltung beschreiben (Kuhl; Schwer u. a. (2014), S. 107–108):
- Die persönliche Standfestigkeit und Kohärenz bei eigenen Entscheidungen überprüfen und die persönlichen Werte, Bedürfnisse und Fähigkeiten (eigene und fremde) dabei berücksichtigen. Es besteht immer wieder die Gefahr, bei Entscheidungen an sich und anderen vorbei zu entscheiden.
- Die eigenen (und fremden) Gefühle, Bedürfnisse und Körperempfindungen in die Entscheidung integrieren und so wahrnehmen. Was macht die Entscheidung mit mir? Welche Reaktionen löst sie aus? Eine Person mit einer gut entwickelten Haltung ideologisiert nicht, sondern macht dem Gegenüber klar und nachvollziehbar, was sie fühlt und sagt.
- Welche Form von Aufmerksamkeit und Anerkennung brauche ich? Wo werde ich in meinen Entscheidungen beeinflusst, weil ich im Hintergrund des Bewusstseins gelenkt bin? Wie kann ich eine Kohärenz zwischen meinem Sein und meinem Tun, meinen Emotionen und meinem Verstand für mich offenlegen?
Einige konkrete Fragestellungen wären (evtl. auf Karten drucken):
Was ist eigentlich unsere Haltung – im Blick auf unsere Kirchengemeinde / den Veränderungsprozess:
- Wie gehen wir mit Veränderung um?
- Wie gehen wir mit Scheitern um? Mit Erfolg?
- Wie entstehen Prioritäten?
- Wo schauen wir als erstes hin?
- Wen haben wir im Blick bei Entscheidungen?
- Was sind meine Ratgeber*innen?
Haltung entwickeln – ganz praktisch:
- Themen austauschen – gemeinsame Themen entdecken
- Was sind jeweils wichtige Werte? Beweggründe für Entscheidungen?
- Was sind Zukunftsbilder?
- Themen außerhalb der Kirche entdecken?
- Miteinander Essen teilen
- Teilen der eigenen (geistlichen) Biographie?
Teil 5: Geistliche Verlernprozesse und die Frage der Haltung einer Spiritualität der Veränderung
„Wer geistliche Prozesse der Kirchenentwicklung will, muss sehr grundsätzlich umdenken und umkehren. Kirche vor Ort hat oft nicht einmal genug Zeit und Kraft für alles Notwendige, geschweige denn für alles Sinnvolle. In Situationen menschlicher Überforderung ist aber wenig Platz für das Wirken des Geistes Gottes. Wer geistliche Prozesse will, muss den Weinberg der Pastoral beschneiden – nicht ein paar Stunden im Monat frei räumen, sondern radikal herunterschneiden! Wie im Januar in den Weinbergen ...“
Peter Hundertmark
Bevor ich in im nächsten abschließenden Blogbeitrag praktische Tools zur Anwendung in kirchlichen Veränderungsprozessen vorstelle, lohnt es sich die Erkenntnisse aus den ersten vier Blogbeiträgen vertiefend abzurunden. Dazu möchte ich mit sieben Begriffspaaren geistliche Haltungsrahmen beschreiben, in denen kirchliche Veränderungsprozesse ablaufen:
- Mit Achtung und Aufmerksamkeit: Ignatius von Loyola (Mitbegründer des Jesuitenordens) hat im Kontext der geistlichen Entwicklung von drei Parametern gesprochen, die ich sehr hilfreich finde, um einen ersten Schritt zu wagen: Wahrnehmen – Unterscheiden – Entscheiden. Der erste Schritt „Wahrnehmen“ beschreibt den Blick auf die Realität, so wie sie von der Gruppe wahrgenommen wird. Genau hinsehen, entdecken und nachfragen. Das Positive zu entdecken, gehört genauso dazu, wie das Problematische zu sehen: im eigenen Leben, in der Gemeinde und in der Welt. Der zweite Schritt heißt „Unterscheiden“ und es geht vor allem darum, Bisheriges zu entdecken, zu erfragen und zu reflektieren, aber auch um eine Vergewisserung des eigenen Glaubens anhand des Evangeliums. Der dritte Schritt handelt davon, mutige Entscheidungen zu treffen. Was muss bestätigt, was verändert werden und was ist als nächstes dran? Ein Kernpunkt dabei ist die Haltung des Hinhörens. Vor Gott zu kommen und zu hören meint dabei auch, den eigenen Denkrahmen dadurch sprengen zu lassen.
- Mit System und Sensibilität: Weil jede Veränderung eine erhöhte Form der Sensibilität braucht, um verschiedene Menschen und Gruppen mit einzubinden, ist die Grundlage eine systemische Vorgehensweise. Diese hilft dabei, die Gemeinde in ihren unterschiedlichen Gruppen, Kreisen und Personen systemisch zu sehen, sodass sichtbare und unsichtbare Strukturen und Abhängigkeiten transparent werden und so offen kommuniziert werden kann.
- Mit Innovation und Irritation: Veränderungsprozesse beinhalten immer auch innovative Methoden und Ansätzen, die Irritationen hervorbringen können, um zum Beispiel Unterbrechung bewusst gestalten zu können oder Phasen der Entschleunigung zu wagen. Dabei ist es wichtig, wahrzunehmen, dass Innovation nicht gemacht, sondern nur initiiert werden kann. Dazu braucht es Prozesse, Räume und Irritationen, die dies ermöglichen. In der Theorie findet das oftmals große Zustimmung, in der Praxis bleibt häufig nur die Irritation. Beides muss aber zusammenbleiben und ausgehalten werden, was durchauseine Herausforderung darstellt.
- Mit Erbe und Eros: Das kulturelle Erbe von Kirche (vgl. kulturellen Habitus, Beitrag 3) ist Ressource und Herausforderung zugleich. Auf der einen Seite lebt Kirche von diesem Erbe und es wird eine Erneuerung nur aus diesem Erbe geben. Auf der anderen Seite muss der kulturelle Habitus überwunden werden, weil er nur noch eine kulturelle Elite in der heutigen Milieulandschaft anspricht und bedient. Damit dies geschieht braucht es einen Eros, eine brennende Leidenschaft für Kirche, die nicht nur von ihrer intellektuellen Redlichkeit (und Genügsamkeit) lebt, sondern Menschen in ihren Lebenslagen und Lebensnöten anspricht.
- Mit Komplexität und Kooperation: Der geistliche Gemeindebegleiter Franz Meures betont in seinem Ansatz die Komplexität der Gemeindebegleitung und setzt dem einen dreifachen Pol entgegen: Aufmerksamkeit für das Reden Gottes und das Wirken des Heiligen Geistes, Aufmerksamkeit für äußere Ereignisse und Aufmerksamkeit für innere Ereignisse. Die daraus entstehenden gruppendynamischen Prozesse verlangen von den beteiligten Gruppen zwar eine hohe Kooperationsbereitschaft, helfen aber, die Komplexitäten aufzuzeigen und in Beziehungen zu setzen, sodass sie konstruktiv bearbeitet werden können.
- Mit Wahrnehmung und Wunder: In den geistlichen Veränderungsprozessen geht es immer um die Anschlussfähigkeit an die Realitäten der Gemeinde und darum, der Frage nachzugehen: Welcher Ausgangspunkt hilft den Gemeinden an die eigene spirituelle Tradition anzuknüpfen, um eine geistliche Visionsentwicklung voranzutreiben? Dabei geht es darum, die Verheißung Gottes im Prozess zu erkennen und darüber hinaus Erwartungen zu haben, die über die eigenen Möglichkeiten hinausgehen. Dabei gilt, was Bernhard von Clairvaux sagte: „Was vom Himmel kommt, will aus der Erde wachsen.“ Deshalb wollen auch wir mit dem Himmlischen rechnen und nicht nur auf das menschlich Machbare setzen.
- Mit Kairos und Krise: Kann die Krise ein Kairos sein? In kaum einer anderen Frage wird die geistliche Haltung deutlicher. Das Wort Kairos bezeichnet dabei Gottes Zeitpunkt, wo Veränderung möglich ist, etwas zum Guten zu wenden und zwar mitten und durch die Krise selbst. Bei der Frage nach dem Kairos geht es nicht darum, die Krise zu leugnen, sondern im Gegenteil anzuerkennen, dass die Kirchen über einen langen Zeitraum unter anhaltenden massiven Störungen im kirchlichen System leiden. Die Frage ist nun aber nicht, wie wir dieses System möglichst durch die Krise bringen und erhalten können, sondern was die Krise über das System sagt. Dadurch wird es nicht einfacher und auch die Komplexität bleibt bestehen, aber die Haltung und die geistliche Urteilskraft ändern sich und dies ist vielleicht genau das, was der Kirche vielfach im Wege steht (ausführlich in meinem Beitrag Kirche zwischen Krise und Kairos).
Geistliche Verlernprozesse gestalten
Wir müssen lernen zu verlernen, damit wir überhaupt bereit sind, wieder neu lernen zu können. Dies gilt auch für unser geistliches Lernen und Hören. „Re-Design“ nennt das die Organisationstheorie. Wir neigen alle dazu, die eigene Tradition, Geschichte, Erfahrung als das Wichtigste und Unverzichtbare anzusehen. Ein Kernpunkt dabei ist es, die eigene Haltung zu reflektieren und zu verändern, neu hinzuhören und zu Lernenden zu werden.
Für Kirche heißt das, vor Gott zu kommen und dabei auch den eigenen Denkrahmen sprengen zu lassen. Umlernprozesse sind also (auch) geistliche Prozesse, die Kirchen herausfordern, gegenüber dem Reden Gottes und dem Wirken des Heiligen Geistes neu aufmerksam zu werden, sowohl gegenüber äußeren Ereignissen als auch gegenüber inneren Ereignissen. Dies bedeutet: Hörende Kirche werden und dahin gehen, wo Gott wirkt und nicht nur das wiederholen, was schon immer gemacht worden ist.
Vielfältige Spiritualität partizipatorisch leben, sich neu von Gottes Geist ergreifen lassen und das Unverfügbare wagen (Hartmut Rosa) in einer Welt, in der wir sonst versuchen, alles im Griff zu haben. Diese Unverfügbarkeit ist Kirche bei geistlichen Veränderungsprozessen auf der einen Seite in Form des Heiligen Geistes bestens bekannt; genau diese Unverfügbarkeit stellt Kirche gleichzeitig vor große Herausforderungen, weil sie die Kontrolle abgeben muss. Unverfügbarkeit und Resonanz kann eben nicht erzwungen werden, sondern man kann sich nur in sie hineinbegeben.
Aufbauend auf diesen sieben Haltungsschritten möchte ich im nächsten Beitrag in einige konkrete Handlungsfelder von geistlichen Veränderungsprozessen hineingehen.
Vertiefende Fragen:
1. Achtung und Aufmerksamkeit: Wie können die drei Schritte „Wahrnehmen – Unterscheiden – Entscheiden“ konkret in einem Veränderungsprozess in Ihrer Gemeinde oder Organisation angewendet werden, um sowohl positive Aspekte als auch Herausforderungen besser zu erkennen?
2. Innovation und Irritation: Welche Rolle spielt Irritation in Veränderungsprozessen, und wie können sowohl die positiven Effekte von Innovation als auch die damit verbundenen Spannungen konstruktiv genutzt werden?
3. Kairos und Krise: Wie kann die Haltung, eine Krise als Kairos (Gottes Zeitpunkt für Veränderung) zu verstehen, helfen, tiefgreifende Veränderungen in der Kirche nicht nur zu bewältigen, sondern auch als Chance für geistliche Erneuerung zu nutzen?
4. Geistliche Verlernprozesse: Was bedeutet es konkret für eine Kirche oder Gemeinde, „geistlich zu verlernen“, und welche praktischen Schritte könnten unternommen werden, um den Denkrahmen zu sprengen und sich neu auf das Wirken des Heiligen Geistes einzulassen?
Eine ausführliche Vertiefung und Weiterführung gibt es im Kompendium „Gemeinden geistlich begleiten“.
Teil 4: Veränderungsprozesse geistlich durchdringen. Warum machen wir das Ganze eigentlich?
„Die Kirche ist der gegenwärtige Christus selbst. Damit gewinnen wir einen sehr vergessenen Gedanken über die Kirche zurück. Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaftigen Person, freilich einer ganz einzigartigen Person. Die Kirche ist Einer. Alle Getauften sind „allzumal Einer in Christus“ (Gal 3,28). Die Kirche ist Mensch.“
Dietrich Bonhoeffer
Viele Kirchengemeinden merken in Transformationsprozessen, dass zwar der Wunsch nach kirchlichen und geistlichen Veränderungsprozessen da ist, aber oftmals die Kraft und/oder die Möglichkeiten zur Veränderung fehlen.
Ich möchte motivieren, einen geistlichen Entdeckungsprozess in der eigenen Gemeinde zu beginnen, um die eigene geistliche Vitalität zu fördern. Dabei gehe ich davon aus, dass Gott derjenige ist, der geistlichen Aufbruch auf ganz unterschiedliche Art und Weisen initiiert. Geistliche Veränderung heißt deswegen auch: aufmerksam werden, respektvoll hinhören und hinschauen, wo Gott in der Gemeinde am Wirken ist. Es ist eine Art Entdeckungsreise durch die Vergangenheit und Gegenwart der Gemeinde und ihrer Mitglieder: Ein aufeinander Hören, so dass es eine Unterscheidung der Geister durch Wahrnehmung und Reflexion von eigenen Erfahrungen und Wünschen gibt.
Drei zentrale Fragen bilden die Grundlage und Richtung für alle geistlichen Prozesse und scheinen somit unverzichtbar:
1. Warum sind wir? Die Frage nach Sinn und Auftrag der Kirche
Eine Gefahr in Reformprozessen ist, dass vor lauter Veränderung der eigentliche Auftrag verloren geht. Deshalb will ich zu Beginn nach dem „Warum“ fragen. Warum gibt es Kirche? Nun ist uns klar, dass dies eine große Frage ist, die Bücherregale füllt. Deshalb wollen wir sie auf den Kontext unserer Fragestellung herunterbrechen. Dabei greifen wir auf die vom Unternehmensberater Simon O. Sinek entwickelte Goldene-Kreis-Metapher zurück, die sehr einfach und klar veranschaulicht, was für viele soziale und kirchliche Institutionen gilt: Veränderungsprozesse und die Initiierung neuer Projekte fokussieren meist die Ebene des WAS (Was machen wir?), anstatt zunächst den für die Relevanz entscheidenden Faktor, das WARUM (Warum machen wir das?), zu klären. Sinek macht nun deutlich, dass das Warum die zentrale Frage ist, auf die alle anderen Fragen und Ebenen folgen. Die Frage nach der Motivation, den Zielen und den Werten steht deshalb im Zentrum, in der Mitte des inneren Kreises. Ihr folgt die Frage nach dem Wie, also dem Vorgehen, den Prozessen und Umsetzungsmöglichkeiten. Erst zum Schluss, im äußersten Kreis steht die Frage nach dem Was im Fokus: die Lösung, das Produkt, das Ergebnis. Wenn die Frage des „Warum?“ nicht geklärt wird, werden alle anderen Fragen zwar beantwortet, aber auf Dauer nicht zielführend sein.
Das WAS beschreibt, was zu tun ist und ist meist sehr einfach zu identifizieren, z.B. als das Angebot eines Werkes oder einer Institution. Das WIE zeigt auf, wie das WAS erreicht wird: Es kann z.B. das Alleinstellungsmerkmal sein, mit dem wir erklären, wie verschieden und um wieviel besser etwas ist.
Aber nur wenige Menschen können laut Sinek klar formulieren, WARUM sie tun, WAS sie tun. Das WARUM ist das Ziel, der Beweg- und Existenzgrund einer Kirche. Meist wird von außen nach innen gehandelt, wenn Veränderungsprozesse gestartet werden. Dabei ist die Frage nach dem WARUM entscheidend, wenn es darum geht, ein Projekt zu starten, das eine relevante und positive Veränderung für den jeweiligen Kontext bedeutet. Weil das WARUM oft im Verborgenen bleibt, aber eigentlich treibender Faktor aller Entscheidungen ist, lohnt es sich, von Beginn an genauer hinzuschauen und das Handeln vor dem Hintergrund des zugrundeliegenden größeren Narrativs zu reflektieren und zu begründen. Das WARUM stellt die Frage nach dem Anfang, wirft uns sozusagen theologisch zurück: Gott ist Mensch geworden, reduziert sich selbst, wird schwach, macht sich angreifbar, verzichtet auf Macht.
Theologisch gesprochen lässt sich sagen: Inkarnation als Komplexitätsreduktion bedeutet, die priorisierende Frage zu stellen: Warum machen wir das? Dies ist auch eine Vergewisserung über den eigenen Existenzgrund, denn Kirche ist Gottes Kirche und es geht darum vor allem um seine Möglichkeiten. Dies ist die theologische und geistliche Grundlage und der Ausgangspunkt der Frage: Warum braucht es Kirche? Es ist die Rückbindung an die Frage: Was hat Gott sich dabei gedacht? Im Blick auf unsere Fragestellung ergeben sich daraus ein paar erste einfache Fragestellungen:
- Warum braucht es unsere Kirche?
- Warum engagieren wir uns in unserer Kirche?
In Confessio Augustana V wird zwar nicht unmittelbar beantwortet, warum es Kirche braucht, aber warum es sie gibt: Der Glaube an die Rechtfertigung des gottverlassenen Menschen durch Gottes eigenes Tun wird erfahrbar und gewinnt Gestalt in einem Menschen durch die öffentliche schriftgemäße Wortverkündigung und die evangeliumsgemäße Gabe der Sakramente. Diese „Instrumente“ der Glaubenserfahrung bilden den Kern der wahren Kirche (CA VII; s. ersten Blogbeitrag).
Von diesem Punkt ausgehend lassen sich dann konkrete Fragen stellen, wie z.B.:
- Was ist unsere Vision?
- Warum braucht es die Kirche bei uns im Stadtteil bzw. bei uns im Dorf?
- Was haben wir noch anzubieten? Warum sollten Menschen zu uns kommen?
2. Wer sind wir als Kirche? Kirche als Persönlichkeit wahrnehmen und ansprechen
Grundlage eines geistlichen Begleitungsprozesses ist die Haltung, mit der sich Begleitende und Gemeinde begegnen. Wie schon zu Beginn festgestellt, ist Kirche zuerst Kirche Gottes, als unsichtbare Kirche spiegelt sie sein Wesen wider.
Und doch ist Kirche auch immer gewachsene kulturelle Kirche. Kontextueller Ausdruck ihrer Zeit und der Menschen, die sie leben. In diesem Sinne glaube ich, dass jede Gemeinschaft im Glauben nicht nur eine eigene geistliche Geschichte hat, sondern auch eine eigene Persönlichkeit besitzt, die sich durch Tradition, Kontext, Erfahrungen und durch die Zugehörigkeit sowie Hauptamtliche und Ehrenamtliche entwickelt hat. Diese Gemeindepersönlichkeit gilt es zu entdecken und ernstzunehmen, denn sie bildet eine Grundlage für den gemeinsamen Prozess.
Eine Kirchengemeinde als eine eigenständige Persönlichkeit, ja als Person mit eigener Geschichte, eigenem Charakter und eigenen Gaben und nicht als Institution, gar als Körperschaft des öffentlichen Rechts wahrzunehmen, ist kein neuer Gedanke, sondern spielte in der Beschäftigung, was Gemeinde eigentlich ist, immer schon eine Rolle. So schrieb schon Dietrich Bonhoeffer:
„Die Kirche ist der gegenwärtige Christus selbst. Damit gewinnen wir einen sehr vergessenen Gedanken über die Kirche zurück. Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaftigen Person, freilich einer ganz einzigartigen Person. Die Kirche ist Einer. Alle Getauften sind „allzumal Einer in Christus“ (Gal 3,28). Die Kirche ist Mensch.“ (Nachfolge DBW 4, 2. Aufl. Gütersloh 1994, 232)
Dieser gegenwärtige Christus zeigt sein Gesicht durch die Geschichte in der jeweiligen Kultur und Sozialgestalt. So ist durch die Kirchengeschichte ein vielfältiges Bild entstanden, das Christus in seiner ganzen Vielfalt repräsentiert, aber auch manche Verzerrungen darstellt. So wie jede Persönlichkeit sich entwickelt und verschiedene Stadien durchläuft, so ist das auch bei jeder Gemeinde.
Deshalb sind Veränderungsprozesse das Normale und Gesunde und zeigen eine Entwicklung. Wollen wir dieses Bild von der „Gemeinde als Person“ aufnehmen, dann lässt es sich in sechs Bereiche einteilen, die uns ein besseres Verständnis aufzeigen:
- Gesamtheit: Geistlich gesehen ist eine Gemeinde mehr als die Summe ihrer Glieder, sie kann als Gesamtheit, als Gemeindepersönlichkeit wahrgenommen, angesprochen, motiviert, korrigiert oder ermutigt werden. Gottes Geist redet auch zu Gemeinden, nicht nur zu Einzelnen.
- Intuition: Es gibt in der Gemeindebegleitung einen intuitiven Zugang zu einer Gemeinde, der empirische und evaluative Zugänge ergänzen muss, damit die Persönlichkeit einer Gemeinde erfasst und angesprochen werden kann. Die Begleiter werden hier eher auf ihr Herz als auf ihren Kopf hören, eher Bilder als Aussagen suchen, eher spüren als analysieren.
- Identität: In der Begleitung einer Gemeinde sollte versucht werden, sie auch als Persönlichkeit mit einer gemeinsamen Identität wahrzunehmen. Das erklärt möglicherweise viele emotionale und nichtrationale Reaktionen wie Trotz, Widerstand, Leichtsinn, Resignation, Trauer, Freude, Stolz, Hektik, Arroganz etc. Es bestimmt auch ihre Ausstrahlung (Attraktivität) bzw. ihre Wirkungslosigkeit mit.
- Das Bild der Gemeinde als Persönlichkeit ergibt sich aus verschiedenen Aspekten wie Reaktionen, Haltungen, Stimmungen, Kultur, Geschichte etc., die zusammengeführt werden müssen. Es wird eher intuitiv als kognitiv erfasst, aber es sollte seinerseits wieder durch eine gemeinsame reflektive Überprüfung ergänzt werden, um Subjektivität zu reduzieren. Vermutlich ergibt sich ein konsistentes Bild aus dem Zusammenführen der Eindrücke verschiedener Personen (Teamanalyse, Übereinstimmendes finden etc).
- Zugänge zur Identität einer Gemeinde sind eher in der Gemeinschaft der versammelten Gemeinde als in Einzelgesprächen zu finden, eher in wiederkehrenden Erfahrungen als in einzelnen Schritten, eher in Haltungen als in Beschlüssen, ehrlicher in der Kultur und Körpersprache der Gemeinde als in ihrem Internet-Auftritt oder Leitbild, häufiger in ihren Gewohnheiten als in ihren Projekten. Kommunikationswege und Verknüpfung der Gemeinde mit dem Stadtteil (Dorf).
- Instrumentarium: Kleine Symptome und Signale werden hier wichtig und signifikant. Dazu könnten z. B. die Atmosphäre der Häuser gehören, das Klima in der Gemeindeleitung, die Wertschätzung untereinander, die Neugier auf Außenstehende, Präsenz und Intensität von Gebet und Spiritualität, die Intensität und Wärme der Beziehungen untereinander, der Umgang mit der Bibel, Stil und Kultur des Gottesdienstes, die gelebte Diakonie, Reichweite und Inanspruchnahme von Seelsorge, Präsenz von Schulung und Multiplikation (Nachfolge), Art der Gastfreundschaft, das Teilen des Glaubens etc.
Diese Liste lässt sich gerne in einer einzelnen Ortsgemeinde fortsetzen und in Teil fünf gibt es ein Tool, um dies ganz praktisch in der Ortsgemeinde umzusetzen. Im Blick auf unsere Fragestellung ergeben sich daraus ein paar erste einfache Fragestellungen:
- Wo spielt hier der Koop-Raum, das Miteinander, die Interaktion mehrerer Gemeinden als Person eine Rolle.
- Wer sind wir als Gemeinde? (unsere Geschichte, Erfahrungen, Theologie etc.)
- Wer vertritt uns? (nach innen und außen, Personen, aber auch mit welchem Habitus)
- Wer wollen wir sein? (Außensicht)
Neben der Frage, wer wir eigentlich sind, ist die zweite zentrale Grundfrage: Warum sind wir eigentlich da?
3. Wie wollen wir vorgehen? Haltung und Habitus als Grundvoraussetzungen geistlicher Prozessgestaltung
Eine innere Haltung setzt sich aus eigenen Werten, Erfahrungen, Wissen und (Glaubens-)Überzeugungen zusammen und ist in der Lage, eine situationsspezifische Sensibilität für andere und ihre Möglichkeiten, Bedürfnisse und Fähigkeiten aufzubauen.
Eine Grundeinstellung sollte dabei eine lebensbejahende, entwicklungsfördernde und freiheitsunterstützende Haltung sein, deren Ziel tragfähige Beziehungen zu sich selbst, den Nächsten, der Umwelt und Gott ist. Diese Haltung beinhaltet, dass ich mich selbst korrigieren lasse, lernfähig bin und gleichzeitig, dass ich meine Meinung klar und transparent anderen mitteilen kann und so fähig bin, mich mit anderen auseinanderzusetzen.
Haltung bedeutet also, dass ich Verantwortung für mein eigenes Handeln übernehme und die Konsequenzen meines Handelns gegenüber anderen versuche mitzudenken. Eine solche Haltung ist dann wie ein innerer Kompass und gibt mir die Stabilität, die für ein gutes eigenes Urteilen und Handeln nötig ist. Dieser Kompass muss ständig neu ausgerichtet werden. Ich kann lernen, andere Meinungen stehen zu lassen, von ihnen zu lernen und sie nicht nur zu tolerieren. Die Ethikerin Christiane Woopen definiert den Begriff in einem Interview so:
„Eine Haltung zu haben bedeutet für mich, aus einer Grundüberzeugung heraus zu handeln, die die ganze Person umfasst, also ihren Körper, ihren Geist und ihre Gefühle. Eine Haltung besteht nicht aus einer konkreten Regel wie ‚Du sollst nicht töten‘, sie ist vielmehr eine Handlungsdisposition, die sich im Laufe des Lebens und Erlebens einer Person, also im individuellen Lebensvollzug, entwickelt. Die Grundüberzeugung lautet dann zum Beispiel, dass Leben etwas äußerst Wertvolles ist. Und das führt dann zur Handlungsdisposition, Leben zu schützen und zu bewahren, ohne vorher darüber jetzt eigens nachzudenken.“
Haltung als Motiv der eigenen Entscheidung, Haltung als Ruder für die Richtung von Entwicklungen. Miteinander leben lernen heißt aber, nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse achten, sondern Gott zu vertrauen, dass ich selbst nicht zu kurz komme, wenn ich mich um den Anderen kümmere. Heißt auch darauf zu vertrauen, dass andere ebenfalls auf meine Bedürfnisse achten.
Dietrich Bonhoeffer spitzt es sogar zu und sagt: „Jede christliche Gemeinschaft muss wissen, dass nicht nur die Schwachen die Starken brauchen, sondern dass auch die Starken nicht ohne die Schwachen sein können. Die Ausschaltung der Schwachen ist der Tod der Gemeinschaft“. (Gemeinsames Leben, DBW Band 5, Seite 80f.)
Dass es dabei zu unterschiedlichen Einschätzungen kommt, gerade bei den verschiedenen Religionen, ist sowohl theologisch als auch gesellschaftlich auszuhalten. Die Frage nach der Motivation und Haltung ist entscheidend. Wenn ich mich im öffentlichen Raum bewege, bin ich nur ein:e Akteur:in und nicht die alleinige Person, deshalb geht es nicht nur um das, was ich sage, also z. B. wie ich das Evangelium verstehe, sondern es geht darum, wie ich es sage. Jesus selbst bringt das WAS und das WIE in Mt 7,12 zusammen:
„Handelt den Menschen gegenüber in allem so, wie ihr es von ihnen euch gegenüber erwartet. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern“ (NGÜ).
Diese Worte Jesu sind wie eine Brücke zwischen dem privaten und öffentlichen Bereich, dem WAS und dem WIE. Dies hat wieder mit der eigenen Identität zu tun und zeigt sich beispielsweise ganz praktisch darin, dass ich andere (Religionen) nicht schlechtmachen muss, wenn ich mir meiner eigenen gewiss bin. Dadurch wird mein eigener Glaube widerstandsfähiger, auch im ganz praktischen Umgang mit anderen Meinungen.
Vertiefende Fragen:
Die Rolle des „Warum“ in Veränderungsprozessen: Wie kann eine Gemeinde sicherstellen, dass die Klärung ihres „Warum“ (ihrer Mission und Werte) nicht nur ein Anfangsschritt bleibt, sondern kontinuierlich in ihren Aktivitäten und Entscheidungen präsent ist?
Gemeinde als Persönlichkeit: Welche Schritte könnten unternommen werden, um die „Persönlichkeit“ einer Gemeinde zu entdecken und zu reflektieren, und wie können diese Erkenntnisse konkret in Veränderungsprozesse einfließen?
Kooperation und Interaktion zwischen Gemeinden: Welche Chancen und Herausforderungen ergeben sich, wenn mehrere Gemeinden als „Persönlichkeiten“ gemeinsam agieren, und wie könnten sie voneinander profitieren?
Haltung und Habitus: Wie kann eine Gemeinde die Werte einer entwicklungsfördernden und freiheitsunterstützenden Haltung fördern und gleichzeitig Raum für Diversität und unterschiedliche Meinungen schaffen?
Theologische Grundlagen im Alltag: Wie kann das Konzept der Inkarnation als „Komplexitätsreduktion“ im Alltag einer Gemeinde konkret umgesetzt werden, um den Glauben relevanter und zugänglicher zu machen?
Teil 3: Transformative Spiritualität – auf dem Weg zur hörenden und achtsamen Kirche
„Lass mich dich lernen, Dein Denken und Sprechen, Dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich Dir zu überliefern habe.“ Klaus Hemmerle
Spannungsfelder von Kirche im Reformstress
Wir leben in herausfordernden Zeiten, in denen die gesellschaftlichen Transformationsprozesse sich direkt auf unsere Kirchen und ihre Gemeinden auswirken. Religiöser Pluralismus, christlicher Traditionsabbruch oder eine neue spirituelle Suche außerhalb der institutionellen Kirchen sind nur ein paar der Stichworte, die viele Kirchengemeinden in einen inneren Reformstress bringen. Dabei steht Kirche in verschiedenen Spannungsfeldern, die zusammengehören und nicht einseitig auflösbar sind, einige will ich zu Beginn skizzieren, weil sich Spiritualität genau in diesen Spannungsfeldern bewegt:
- Normativität und Devianz – In der evangelischen Kirche und faktisch ähnlich in den meisten Freikirchen hat sich über Jahrzehnte eine gewisse organisatorische Routine und Normalität in Rollen und Strukturen verfestigt, die immer wieder Sonderfälle zulässt, die aber eine Devianz, eine Abweichung von der Norm, darstellen. Die Aufgabe der Zukunft wird sein, zu hinterfragen, was Norm und was Devianz ist. Und sich wie beides zueinander verhält.
- Tradition und Innovation – Innovation entsteht oftmals aus einer Tradition heraus, so dass beides in einer inneren Spannung zwischen Nähe und Distanz steht. Wie können aus der bisherigen Tradition Räume entstehen, die Innovation zulassen? Und was steht dieser Entwicklung entgegen?
- Empirie und Ekklesiologie – Die empirische Wirklichkeit drückt zum Beispiel in Form von Kirchenaustritten massiv auf Kirche und ihre einzelnen Gemeinden. Wo müssen wir die Spannung zur theologischen Reflexion gegenüber der Empirie hochhalten?
- Verfall und Wandel – Sprache und Apokalyptik. Manchmal kommt es einem vor, als ob Kirche auch gewisse Untergangsszenarien liebt. Deshalb ist es klug, auch in Stresszeiten auf die eigene Sprache zu achten und zu reflektieren, welchem größeren Narrativ gefolgt wird.
Diese Spannungen fordern Kirche heraus, sowohl nach innen, wenn es um Strukturen, Ehrenamt oder Ressourcenverteilung geht als auch nach außen, wenn es um die Sprachfähigkeit des eigenen Glaubens, die Anbindung an den eigenen Stadtteil oder die Kirche als traditionsreiche Institution geht. Auch Transformationen stressen – Menschen und Gemeinden. Ja, auch Organisationen können im Stress sein, denn der Umbau der Kirche geschieht bei voller Fahrt. Während das Bisherige weiter läuft, soll es zum einen gleichzeitig reflektiert und hinterfragt werden und zum anderen soll darüber hinaus das Neue gedacht und geplant werden. Nicht viele fühlen sich genau davon zerrissen und denken: Wie soll das gehen? Habe ich nicht genug zu tun? Anderen geht die Erneuerung nicht schnell und konsequent genug. Beides hat seinen Platz in der Kirche.
Diese Fragen sind ernst zu nehmen und sie sind zugleich Teil einer größeren Frage, der wir in diesem Text nachgehen wollen: Gibt es eine Spiritualität der Veränderung? Wie sehen die geistliche Begleitung und Durchführung eines Reformprozesses in den verschiedenen Ebenen aus? Damit meine ich das Ganze, also von den beteiligten Menschen über die Organisationsformen und angewandten Methoden bis hin zur Haltung, mit der dieser lange Prozess durchgeführt wird. Bei all diesem „Organisationsstress“, den Kirche erlebt, wünschen sich viele eine neue Orientierung und Priorisierung gegenüber der eigenen Tradition und Spiritualität.
Ein „neuer Geist“ darf, ja soll in der alten Organisation von Kirche wehen und das gleich doppelt: in der Beziehungsentwicklung nach innen zum Heiligen und nach außen zu den Menschen in ihren vielfältigen Lebenssituationen. Ich gehe also von einer doppelten Logik oder einem doppelten Blick aus: Organisational und geistlich/spirituell. Diese Logik ist nicht dual zu verstehen, sondern integral: Es sollen also gerade die organisationalen Prozesse geistlich verstanden werden und genauso gilt umgekehrt, dass die geistlichen Prozesse Teil der organisationalen sind.
Gleichzeitig sind sie in ihrer methodischen Durchführung zu unterscheiden: Das Ziel ist die geistliche Mündigkeit der beteiligten Menschen für die kirchliche Transformation. Sie sollen in ihrer Haltung und in ihrer spirituellen Sichtweise gestärkt werden. Darüber hinaus ist die Organisation Kirche auch Bewegung und braucht in ihrem Reformprozess spirituelle Ankerpunkte, an denen sie sich in großen Reformbewegungen orientieren kann und Halt findet.
((Vertiefender Erfahrungsbericht zum Thema: „Gemeinde im Burnout“))
Spirituelle Transformationen als gemeinsamer Entdeckungsprozess. Dreifach Hören lernen
Kirche hört Menschen zu, was sie bewegt, was sie über Kirche denken und was ihre Hoffnungen und Bedenken sind. Diese Rolle der „Hörenden“ ist für viele Kirchen neu und auch eine Herausforderung, denn Kirche ist oftmals in der Rolle der „Machenden“, der „Helfenden“, ja der „Sprechenden“. Dies ist auch gut und eine wichtige Aufgabe von Kirche, aber dabei darf das Hören nicht verloren gehen. Hören als aktives Wahrnehmen bedeutet ruhig zu werden, sich neu zu orientieren, Kraft zu schöpfen, sich auf Gott neu auszurichten. Gerade in Zeiten von Veränderungsprozessen und Reformstress ist dies besonders wichtig. Wenn ich von „Hören“ rede (inspiriert von Andreas Kusch), dann meine ich ein dreifaches:
1. Auf die Menschen hören: Was denken sie über Kirche? Welche Bedenken oder Ängste haben sie? Welche Hoffnungen und Erwartungen?
2. Auf die Umwelt hören: Was sind die gesellschaftlichen Transformationen, worauf muss Kirche reagieren? Was haben die Krisen der Gesellschaft für Auswirkungen auf Kirche? etc.
3. Auf Gott hören: Wo spricht Gott durch seinen Geist zu uns, vielleicht durch a) und b), aber auch in einer besonderen Achtung mit Raum und Zeit für dieses Hören. Nicht nebenbei, sondern mit Freiräumen und Sorgfalt.
Es geht beim Hören lernen also nicht um eine geistliche Begleitung organisatorischer Prozesse und auch nicht um eine geistliche Auswertung von Ergebnissen, sondern es geht um einen geistlichen Prozess insgesamt. Ein Hören auf allen Ebenen, hier zusammengefasst in Sinn, Beziehung und Leistung.
- Die Sinndimension. Jede Organisation hat eine eigene DNA, ein Identitätsbewusstsein aus Werten, Normen, Visionen und Zielvorstellungen. Diese normative Sinnsetzung bildet das Zentrum einer Organisation. Sie wird in der Wirtschaft in einer Corporate Identity zusammengefasst. Kirche ist eine lebendige Organisation und der Geist Gottes ist das Element, das die Organisation lebendig macht (Apg. 1,8). Der Geist Gottes macht den Unterschied und den Sinn von Kirche aus und macht somit den zentralen Unterschied zu anderen Organisationen aus, die von ihrer Struktur vielleicht sogar ähnlich aufgebaut sind. Auch deshalb ist Kirche neben Organisation und Institution immer auch Bewegung (Hauschild/Pohl-Patalong).
- Die Beziehungsdimension. In einer Organisation kommunizieren und arbeiten Menschen auf unterschiedlichsten Hierarchiestufen miteinander. Kommunikation, Strukturen, Leitung und Führung sind deshalb zentrale Elemente innerhalb einer Organisationsstruktur. In der Kirche gibt es zusätzlich den Geist Gottes, der auf alle – unabhängig ihrer Position oder Funktion – gleichermaßen ausgegossen ist und alle miteinander verbindet.
- Die Leistungsdimension. Eine Organisation hat immer eine finale Zielsetzung, die durch Handlungen und Aktivitäten der Mitarbeitenden erreicht werden soll. Bei uns als Kirche ist es die Kommunikation des Evangeliums in Wort und Tat, wie wir sie in den sechs Grundaufgaben von Kirche beschrieben haben.
Nehmen wir diese zwei mal drei Ebenen, dann geben sie uns ein gutes erstes Bild von dem, was wir unter spiritueller Transformation und organisationale Achtsamkeit verstehen.
(ausführlich Franz Meures: „Was ist ein geistlicher Prozess?“, midi)
Organisationale Achtsamkeit einüben
Eine Grundfrage in Transformationen lautet: Können auch soziale Systeme Anzeichen von Erschöpfung zeigen, erkranken oder ausbrennen? Wenn ja, was bedeutet dies für die Kirche als Organisation? Jede Organisationsstruktur steht mit den äußeren (gesellschaftlichen) Veränderungsprozessen (externer Systemstress) und den inneren Kommunikationsprozessen (interner Ressourcenstress) in ständigen Herausforderungen. In diesen Herausforderungen kann Unaufmerksamkeit zu Unverbundenheit und zu einem Ungleichgewicht im System führen, was dann zwangsläufig zu einem Unwohlsein führt. So entstehen, verkürzt gesagt, gestresste Organisationen.
Das, was hier so technisch klingt, erleben meiner Beobachtung nach tatsächlich viele Gemeinden. Sie merken, dass die gesellschaftlichen Transformationen (Pluralisierung, Individualisierung, Privatisierung des Glaubens, Säkularisierung und Traditionsabbruch des Glaubens und der Sprache etc.) große Auswirkungen auf das Gemeindeleben haben und dass Formate, die über Jahrzehnte gut funktioniert haben, plötzlich weitgehend ins Leere laufen. Dies bringt die verschiedenen Gruppen der Gemeinde unter Stress, den Hauptamtlichen fehlen die Erfolge, die motivierten Ehrenamtlichen verlieren Stück für Stück ihre Motivation, die Leitung hinterfragt finanzielle Zuschüsse für die Arbeit, was wieder die Verantwortlichen für einzelne Kreise in ihrer geistlichen Haltung verletzt. Diese kleinen Beispiele können beliebig fortgesetzt werden. Jetzt steigt parallel dazu das innere Stresslevel, wenn weniger miteinander kommuniziert und mehr übereinander geredet wird. Das System des Unwohlseins beginnt auf allen Ebenen zu greifen.
Da Gemeinde natürlich ein geistlicher Ort ist und alle Beteiligten Christ:innen sind, spiegeln die unterschiedlichen geistlichen Deutungen des ganzen Prozesses einen weiteren Stressfaktor wider. Gleichzeitig liegt darin auch ein großer Reichtum und die Chance einer gemeinsamen geistlichen Deutungsgemeinschaft. Denn geistliche Vitalität, organisatorische Strukturen und sozialer Wandel bedingen und beeinflussen einander. Außerdem gibt es Dialogpartner*innen, die in einer inneren Spannung stehen, wie beispielsweise:
- Organismus und Organisation
- Beziehungen und Programm
- Herzensverbindung und Mitgliedschaft
- geistliche Bewegung und organisatorische Strukturen
Ich schreibe bewusst „und“ und nicht „versus“, da ich glaube, dass immer beides zusammengehört. Daher ist es eine wichtige Aufgabe, immer wieder die Verbindung zu überprüfen und darauf zu achten, wo wir einseitig geworden sind, wo unsere blinden Flecke sind und wo die sozialen Transformationen uns in eine Richtung geschoben haben. Kirche in all ihren Ebenen ist und muss eine lernende Organisation sein, die sich ihrer Tradition bewusst ist und diese aktiv gestaltet.
Der tschechische Theologe Tomáš Halík hat es mal prägnant auf den Punkt gebracht, als er schrieb: „Die Bewahrung der Tradition ist ein schöpferischer Akt.“ Wir müssen uns aus der eigenen Tradition heraus erneuern. Kein einfaches Unterfangen, aber darin stehen wir, wie übrigens jede andere Organisation in Deutschland, nicht allein.
Einen Punkt möchte ich dabei herausheben, den ich für wichtig und oftmals unterbewertet halte: Veränderungsprozesse sind immer auch Verlernprozesse. Verlernprozesse beschreiben die Notwendigkeit, unsere eigene Tradition mit unserem Denken und Fühlen zu hinterfragen und uns von manchem Liebgewonnenen zu distanzieren, um wieder Raum für Neues zu bekommen. Denn wir neigen alle dazu, die eigene Tradition, Geschichte, Erfahrung als das Wichtigste anzusehen und beurteilen das Neue aus der eigenen biographischen Voraussetzung.
Fragen zum Vertiefen und Anwenden:
- Welche Spannungsfelder sind in deiner Kirche gerade besonders zu spüren?
- Was bedeutet „organisationale Achtsamkeit“ für unsere Kirche und Gemeinde in der aktuellen Situation?
- Wo können wir gemeinsam unsere Stresspunkte identifizieren, um ein „Burnout“ zu vermeiden?
- Wo müssen wir neu Hören lernen (welche der drei Dimensionen?) und wie könnten wir damit konkret anfangen?
- Wo sehe ich oder wir Möglichkeiten eine gemeinsame geistlichen Deutungsgemeinschaft einzuüben?
Teil 2: Exnovation – oder: Vom würdevollen Sterben
„Exnovation prüft Etabliertes im Hinblick auf dessen Zweck und Nutzen. Ferner wird auch nachhaltig und langfristig nach dessen Verantwortbarkeit gefragt.“
Sandra Bils
Der Begriff "Exnovation" stammt aus der Innovationsforschung und bezieht sich auf den gezielten Prozess des Abschaffens oder Beendens von alten, ineffizienten oder nicht mehr benötigte Praktiken, Produkte oder Prozesse. Dabei werden zwei unterschiedliche Exnovationsprozesse unterschieden: a) Die natürliche Exnovation, die erfolgt durch die langsame Verdrängung bestehender Strukturen, Prozesse, Angebote etc., weil das Neue sich langsam durchsetzt und so das Bisherige verdrängt und b) die künstliche Exnovation, die durch strategische Entscheidungen getroffen wird, damit für das Neue Raum, Zeit und Finanzen bereitstehen.
„Drop your tools or you will die!“ Über die Theorie des Loslassens
Bekannt geworden ist Exnovation durch den Organisationspsychologe Professor Karl Weick und sein Buch mit dem drastischen Titel „Drop your tools or you will die!“. Karl E. Weick beschreibt darin die Bedeutung des Loslassens von gewohnten Handlungen und Denkmustern. Der Titel bezieht sich auf reale Ereignisse, bei denen Feuerwehrleute während Waldbränden oder andere Einsatzkräfte in Notlagen nicht in der Lage waren, ihre Werkzeuge oder Ausrüstungsgegenstände loszulassen, obwohl dies ihre einzige Überlebenschance war. Weick analysiert, warum Menschen so stark an ihren gewohnten Handlungen und Denkmustern festhalten, selbst wenn diese lebensgefährlich werden.
- Psychologische Bindung: Menschen entwickeln eine starke Bindung an ihre Werkzeuge und Gewohnheiten, weil diese Teil ihrer Identität und ihres Selbstverständnisses sind. Das Loslassen dieser Werkzeuge bedeutet nicht nur den Verlust eines physischen Gegenstands, sondern auch eine Bedrohung für das Selbstbild und die berufliche Identität.
- Situationale Bewusstheit: In Krisensituationen fällt es Menschen schwer, sich schnell an neue Gegebenheiten anzupassen. Der Druck und Stress solcher Situationen verstärken das Festhalten an Routinen und bekannten Handlungen, auch wenn diese irrational oder gefährlich sind.
- Institutionelle und kulturelle Einflüsse: Organisationen und berufliche Kulturen können das Verhalten ihrer Mitglieder stark beeinflussen. Vorschriften, Traditionen und ungeschriebene Regeln tragen dazu bei, dass Menschen an etablierten Praktiken festhalten, selbst wenn diese nicht mehr angemessen sind.
- Lernprozesse und Flexibilität: Weick betont die Notwendigkeit, in Organisationen und Teams flexibles Denken und adaptives Verhalten zu fördern. Training und Übungen sollten nicht nur technische Fähigkeiten, sondern auch die Fähigkeit zum schnellen Umdenken und Loslassen von Gewohnheiten einschließen.
- Beispiele aus der Praxis: Weick illustriert seine Argumente mit Beispielen aus der Praxis, insbesondere aus der Brandbekämpfung, wo das Versäumnis, Werkzeuge fallen zu lassen, zu tragischen Verlusten geführt hat. Diese Beispiele verdeutlichen, wie entscheidend es sein kann, in lebensbedrohlichen Situationen etablierte Muster zu durchbrechen.
Die zentrale Botschaft von Weick ist, dass das Loslassen von Werkzeugen – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne – lebensrettend sein kann. Organisationen und Individuen müssen lernen, in kritischen Momenten flexibel zu reagieren und bereit zu sein, alte Muster zu verlassen, um sich an neue Herausforderungen anzupassen. Ich finde, dass dieser Vergleich auch sehr gut zu den Prozessen in unseren Kirchen und Gemeinden passt. Loslassen fällt oft sehr schwer, aber Neues kann nur entstehen, wo Raum dafür geschaffen wird. Liebgewonnene Traditionen, Kreise oder Strukturen müssen verabschiedet werden, ja, müssen würdevoll sterben.
„Würdevoll sterben!“
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, wird es keine Frucht bringen, wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
Johannes 12,24
In der Natur nennt man diesen Prozess „Keimung“. Damit ein Same keimen kann, braucht er bestimmte Voraussetzungen wie Wärme, Wasser, Licht und Sauerstoff. Wenn alles zusammenkommt, kann der Wachstumsprozess des fruchtbaren Samens beginnen. Er bildet eine Keimwurzel, aus der dann die Streckung der Sprossachse beginnt. Danach bildet sich der vollständige Keimling heraus. Jetzt stirbt Stück für Stück der Same ab, nährt dadurch den neu entstehenden Keimling mit allem, was er braucht, da dieser noch keine Photosynthese betreiben kann. Während dieser Phase sind Same und Keimling fest miteinander verbunden. Deshalb spielt zu Beginn der Same eine entscheidende Rolle, mit der Zeit nimmt dieser mehr und mehr ab und andere Faktoren wie Wasser, Licht und Sauerstoff werden zu wichtigen Faktoren für das weitere Wachstum. Viele Samen sind zunächst nicht keimungsfähig. Sie brauchen eine bestimmte Wärme, damit der Keimungsprozess starten kann. Deuten wir diese Metapher auf unser Thema, dann ist die Kirche der Samen, aus dem das Neue herauswachsen wird. Die Wärme stellt den Kairos dar, der das Wachstum des Samens auslöst. Er stirbt eben nicht einfach, sondern beginnt einen Transformationsprozess, in dem er sich Stück für Stück in einen Keimling verwandelt. Dabei sind Same und Keimling am Anfang eng verbunden und erst nach und nach erwächst das Neue und wird selbstständig.
Die zentralen Fragen sind: Wie sieht der Transformationsprozess aus? Was wird in das Neue übergehen und was muss sterben? Der Umgang mit dem eigenen Erbe wird so zu einem schöpferischen Akt. Denn es gibt eine Verbindung zwischen Exnovation und Innovation. Der Einsparungszwang der Finanzen zwingt die Kirchen zum Glück der Veränderung. Natürlich kann das Bild überreizt werden und hat seine Grenzen, aber die zentrale Frage ist: Wie sieht der Transformationsprozess aus? Was wird in das Neue übergehen und was muss sterben? Auch in dem Wissen, dass das vermeintlich Neue wiederum sterben wird. So einfach diese Fragen zu sein scheinen, so schwierig sind sie in der Praxis, weil dahinter über Jahrzehnte gewachsene Strukturen mit Menschen stehen, die sich dafür haupt- und ehrenamtlich immens eingesetzt haben. Sterben ist nicht leicht. Es ist schmerzvoll. Nehmen wir diese Fragen ernst, dann können wir feststellen, dass die Kirchen in einem Prozess der Sterbebegleitung von Liebgewordenem, das einen selbst geprägt hat, stehen und gleichzeitig Geburtshelferin des Neuen sein dürfen. In der Biologie nennt man diese Vorgänge, die die Entstehung etwas Neuem auf organische Art und Weise beschreiben, Emergenz.
Was gilt es loszulassen?
- Was darf gestört werden?
- Was darf/muss/soll aufhören?
- Was geschieht freiwillig? Was gezwungen?
Dabei ist das würdevolle Sterben eine zentrale Aufgabe in einem Prozess des Neuen. Würdevolles Sterben heißt, dass wir die Arbeit der Vergangenheit würdigen, ernstnehmen und aufnehmen. Heißt aber auch, wenn manches beendet wird, gemeinsam darüber zu trauern, um so wieder Raum, Zeit und Kraft für Neues zu schaffen.
Die zehn Schritten des würdevollen Sterbens (nach Donders*)
1. Identifizieren: Wer verliert etwas?
- Was wird sich ganz konkret ändern?
- Wer muss etwas loslassen?
- Was bleibt in der neuen Struktur für den einzelnen Mitarbeiter übrig?
2. Seien Sie nicht überrascht, wenn es zu Überreaktionen kommt
- Menschen erfahren Verluste durch Veränderungen
- Die gewohnte Welt der Menschen wird durcheinandergebracht
3. Akzeptieren Sie die Realität und Wichtigkeit der subjektiv empfundenen Verluste
- Ihre ,,objektive" Sicht der Lage reduziert niemals den subjektiv empfundenen Schmerz
- Nehmen Sie sich Zeit, den Mitarbeitenden zuzuhören, ernst zu nehmen und zu verstehen
4. Erkennen Sie die Verluste öffentlich und verständnisvoll an
- Reden Sie einfach, offen und klar über die Verluste, die die neue Struktur mit sich bringt
- Drücken Sie Respekt vor dem Geleisteten und Anteilnahme aus
5. Erwarten und akzeptieren Sie Anzeichen der Trauer
- Dazu gehört: Ablehnung der Realität, Ärger, Ausweichen, Angst, Orientierungslosigkeit und depressives Verhalten, Rückzug
6. Kompensieren Sie den Verlust
- Wer nur Schmerz spürt, ist nicht motiviert, eine neue Struktur zu akzeptieren, die diesen Schmerz auslöst
- Was kann ich zurückgeben, um die Verlusterfahrung auszubalancieren?
7. Informieren Sie Mitarbeiter regelmäßig
- Bei ersten Informationen werden nur ca. 50% verstanden
- Ehrliche Information baut Vertrauen auf
8. Definieren Sie genau, was sich ändern wird und was nicht
- Menschen haben oft nicht den Mut, mit dem Alten aufzuhören.
- Gleichzeitig fangen sie an, auch Neues zu realisieren. Das brennt sie aus.
- Sind Erwartungen unklar, dann macht jeder, was er will, und alle produzieren gemeinsam ein Chaos
- Lässt man alles vom Alten sterben, dann ,,schüttet man das Kind mit dem Bade aus"
9. Behandeln Sie die alten Strukturen mit Respekt
- Sprechen Sie fachlich und mit Respekt über die Vergangenheit
- Erkennen Sie das Gute an, das durch die alte Struktur entstanden ist
10. Zeigen Sie, wie ein Sterben der alten Strukturen so ermöglicht werden kann, dass sich die Kernkompetenzen weiterentwickeln
- Manches muss beendet werden, damit etwas Größeres zur Vollendung kommt
- Zeigen Sie dies auf, damit es für jeden der Sinn der Änderung verständlich wird
Fragen für das Gespräch: Deutung- und Handlungsmuster erkennen lernen:
- Was ist zu beenden? Frage nach der Ablösung von Mustern
- Was ist fortzusetzen? Die Frage nach der Weiterentwicklung von Mustern
- Was zu beginnen? Die Frage nach der Neuentwicklung von Mustern
Vertiefung:
Sandra Bils und Gudrun L. Töpfer: „Exnovation und Innovation. Synergien von Ende und Anfang in Veränderungen“, Schäffer und Poeschel.
Podcast: Herzen und Systeme, Staffel 2, Folge 16: Sandra Bils und Christian Brunner “Exnovation – Beenden für Erneuerung”
* Paul Donders. Mitarbeiter fordern und fördern. Praxisbuch für Alltag und Beruf. Gerth Medien, 2001.
Teil 1: Aufbruch ohne Landkarte
„Brecht auf ohne Landkarte – und wisst, dass Gott unterwegs zu finden ist, und nicht erst am Ziel. Versucht nicht, ihn nach althergebrachten Rezepten zu finden, sondern lasst euch von ihm finden in der Armut eines alltäglichen Lebens.“
Madeleine Delbrêl aus: „Deine Augen in unseren Augen. Die Mystik der Leute von der Straße“
Christsein bedeutet, beständig unterwegs zu sein – offen zu sein für Veränderungen und Gott unterwegs neu zu erfahren. Als Kirche dürfen wir Reich Gottes gestalten, die Welt bewegen, gemeinsam neue Deutungsräume eröffnen, in denen wir zusammen ringen, wie diese Veränderungen aussehen sollen, wie wir unseren Glauben gestalten und leben können, und welche Richtung wir einschlagen.
Dass Kirche im Umbruch lebt, gehört nicht nur zu ihrem Wesen und ihren Stärken, zugleich ist es auch eine zunehmend um sich greifende gesellschaftliche Realität, die immer mehr Christ*innen erfahren. Herausfordernde Etappen liegen vor uns als Kirche, dabei müssen wir uns auf dem Weg immer wieder neu orientieren, wohin die gemeinsame Reise geht. Denn eines ist klar, die Zeiten sind zu unruhig und das Gebiet zu unsicher, als dass wir mit Sicherheit sagen können, wo wir am Ende rauskommen werden. Ungewissheit heißt dabei nicht Planlosigkeit, sondern bedeutet eine erhöhte Wachsamkeit und den Mut für neue Schritte. Und wir vertrauen dabei, dass „Gott unterwegs zu finden ist“, deshalb sind wir in einer ständigen geistlichen Reflexion des eigenen Tuns. Eine Haltung des Hörens auf Gott ist dabei unumgänglich.
Diese Serie hat die Intention, genau diesen Prozess mit unterschiedlichen kleinen Inspirationen zu unterstützen und soll zum „Finden in der Armut eines alltäglichen Lebens“ helfen an den verschiedenen kirchlichen Orten und Ebenen von Kirche. Es geht nicht um eine neue Zielbestimmung, sondern um eine Reflexion auf dem gemeinsamen Weg. Es ist keine Landkarte, die den einen geistlichen Weg zeigt, sondern die unterschiedlichen Impulse sollen dazu herausfordern, spirituell wachsam und suchend zu bleiben. Bleiben wir bei der Metapher des gemeinsamen Weges, dann könnte man von „geistlichem Proviant“ für die Reise reden, das uns stärkt und auf der Reise unterstützt.
In diesen Blogbeiträgen spreche ich vom „Wir“ und beziehe mich auf Kirche in ihren unterschiedlichen Funktionen und Verantwortungen. Dies tue ich bewusst, denn wir sind als Christ*innen in Kirche gemeinsam unterwegs, in unterschiedlichen Aufgaben und Verantwortungsbereichen, haupt- und ehrenamtlich und doch sind wir alle verbunden durch denselben Geist Gottes. Und wir alle vertrauen darauf, dass es Gottes Kirche ist und nicht unsere, dass wir teilhaben an seinem Wirken, was uns bei aller Verantwortung auch entlasten kann: Es hängt nicht an uns.
Schauen wir auf den „großen Reiseatlas“ unseres Glaubens, die Bibel, dann ist das, was wir gerade durchleben, eher Normalität als Ausnahme. Das Volk Israel war im Alten Testament zumeist ein Pilgervolk und Gott war mit ihnen unterwegs, Jesus selbst war mit seinen Jünger*innen auf Wanderschaft und die ersten Christ:innen wurden „die Anhänger*innen des neuen Wegs“ (Apg. 9) genannt. Wir stehen also in guter Tradition, denn Glaube und dessen Gestaltung unterliegt einem ständigen Wandel, ja sogar einer Verwandlung.
Evangelisch sein heißt, genau dafür gemeinsame Deutungsräume zu eröffnen. Gemeinsam darum zu ringen, wie diese Veränderungen aussehen, wie Glaube zu gestalten und zu leben und welche Richtung einzuschlagen ist. Diese Reflexion, um in der Bewegung Gottes zu sein, macht Kirche aus, denn Kirche ist mehr als eine reine Organisationsform oder eine soziale Bewegung, sie ist Teil des neuen Reiches Gottes hier auf Erden. Und die Spannung zwischen der sich verändernden Wirklichkeit dieser Welt und der uns verändernden Wirklichkeit des Reiches Gottes ist groß und ein ständiger Herausforderungsprozess, den wir auch in Transformationsprozessen spüren, erleben und auf den wir uns immer wieder einstellen müssen.
In der zentralen Bekenntnisschrift evangelischer Kirchen, der Confessio Augustana (1530), findet sich für dabei eine wertvolle Grundunterscheidung, wenn Kirche in ihren verschiedenen Dimensionen beschrieben wird. Die una sancta ecclesia, die heilige christliche Kirche als Glaubensgeschehen manifestiert sich in dieser Welt in einer konkret wahrnehmbaren Gestalt. Die Kennzeichen der wahrnehmbaren Gestalt, mit deren Hilfe eine „richtige“ von einer „falschen“ Ausprägung von Kirche unterschieden werden kann, sind nicht mehr als die schriftgemäße Predigt des Evangeliums und eine evangeliumsgemäße Darreichung der Sakramente Taufe und Abendmahl. Mit anderen Worten: Alles andere kann an der organisationalen Gestalt der Kirche flexibel sein und ist doch Kirche als creatura verbi Divini (Geschöpf des Wortes Gottes). Organisationale Kirche, die an den Kennzeichen der Kirche Jesu Christi festhält, bleibt ja immer in unauflöslicher, integraler Verbindung mit ihr.
Zum „Aufbrechen ohne Landkarte“ soll die Unterscheidung aus CA VII helfen: Solange die Kennzeichen der sichtbar gewordenen Kirche wahrnehmbar sind, kann alles andere den Zeitläufen unterworfen sein und seine Gestalt verändern, ja muss dies sogar. Wir brechen auf mit der Gewissheit, dass Gott seiner Kirche als Versammlung der Glaubenden erhalten wird, auch wenn sich ihre organisationalen Grundbedingungen radikal verändern sollten.
Vielleicht geht es manchem wie der berühmten Pianistin Maria J. Pires aus Portugal, die in Amsterdam mit dem Amsterdamer Concertgebouw-Orchestra ein Klavierkonzert Mozarts unter der Leitung von Riccardo Chailly spielen wollte und bei den ersten Takten des Orchesters feststellt, dass sie sich auf das falsche Mozartkonzert vorbereitet hat. Fassungslos sitzt sie da, starrt den Dirigenten voller Panik an und versucht mit ihm zu kommunizieren. Der lässt sich aber nicht beirren und dirigiert das Orchester weiter. Minuten kommunizieren die beiden miteinander und dann fängt Maria J. Pires Mut und lässt sich langsam auf das Stück ein. Stück für Stück kommt sie rein, unsicher abtastend, die Augen immer noch voller Angst, aber dann finden beide immer mehr zusammen und es wird ein wundervolles gemeinsames Konzert.
Vielleicht geht es einigen in Kirchen und Gemeinden ähnlich und es fühlt sich an wie im falschen Stück: unsicher, vielleicht wütend, vielleicht aber auch nur ratlos und müde. Und das ist auch okay, denn das, was wir von Maria J. Pires und ihrer Situation lernen können ist, dass wir versuchen, gemeinsam die Situation zu meistern, zu kommunizieren, den Rhythmus anzupassen, den anderen verstehen zu lernen und ein gemeinsames Tempo zu finden. Im Video von dem Konzert kann gesehen werden, wie Dirigent und Pianistin sich immer wieder abstimmen und ermutigen, bis sie zusammenkommen. Aber Maria J. Pires musste auch den Mut fassen, sich darauf einzulassen, die fremde und unsichere Situation anzunehmen, auch wenn in ihrem Kopf ein ganz anderes Stück war.*
Zu Beginn ein paar Fragen zur persönlichen Selbstverortung:
- Wo in meiner Biographie habe ich Veränderungsprozesse erlebt? Was habe ich im Nachhinein aus diesen Phasen gelernt?
- Wenn ich an Spiritualität oder den eignen Glauben denke, dann bedeutet das für mich persönlich?
- Wie würde ich folgenden Satz ergänzen: „Wenn ich an Kirche denken, dann ...“
- Was habe ich bisher von kirchlichen Reformprozessen wahrgenommen? Welche Stellung und Aufgabe sehe ich darin für mich?
- Wie würde ich meine bisherigen Erfahrungen in kirchlichen Veränderungsprozessen beschreiben? (Was finde ich gut? Was finde ich schwierig?)
- Wie sehr bin ich bereit meine bisherige Arbeitsweise und mein Berufsverständnis zu verändern?
Ich wünschen uns, dass wir als Kirche(n) in aller evangelischer Vielstimmigkeit die Segnungen und Reichtümer einer transformativen Spiritualität entdecken und leben dürfen. Wie dies konkret verstanden und eingeübt werden kann, soll in den nächsten vier Blogbeiträgen erklärt werden. Die Beiträge analysieren dabei zwei größere Teile. Zunächst will ich erklären, warum eine Spiritualität der Veränderung für Reform- und Veränderungsprozesse von Kirchen so wichtig ist und welche grundlegenden Werte und Haltungen es dazu bedarf. Darauf aufbauend führe ich in eine Toolbox ein, in der es verschiedene Instrumente gibt, die ganz praktisch in Kirchengemeinden und den verschiedenen kirchlichen Ebenen angewandt werden können, um spirituelle Achtsamkeit in Reform- und Veränderungsprozessen einzuüben.
Vertiefung:
Madeleine Delbrêl, Deine Augen in unseren Augen: Die Mystik der Leute von der Straße. Ein Lesebuch
Spiritualität der Veränderung. Einführung in eine organisationale Achtsamkeit in kirchlichen Veränderungsprozessen. Die Gedanken wurden inspiriert und reflektiert durch den Master Transformationsstudien und dem Reformprozess der EKKW.
*Das Beispiel verdanke ich Hans-Hermann Pompe aus seinem Buch: Kirchensprung: „Warum Kirchenentwicklung und Mission einander brauchen.“